logo
-- www.johnsinclair-forum.de -- www.gruselroman-forum.de --
Das Forum zu John Sinclair, Gespenster-Krimi, Vampira, Hörspielen und vielem mehr !
Willkommen !
Falls Sie auf der Suche nach einem Forum rund um klassische und aktuelle Romanhefte sind, sollten Sie sich hier registrieren. Hier finden Sie ebenfalls Rubriken für Hörspiele und weitere Foren. Die Nutzung des Forums ist kostenlos.

John-Sinclair-Forum ::: Gruselroman-Forum » Roman-Serien » Larry Brent » Der erste Grusel-Krimi: Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus
« Vorheriges Thema | Nächstes Thema » Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Wynn Wynn ist männlich
Kaiser




Dabei seit: 07.03.2017
Beiträge: 1405

23.03.2021 18:07
Der erste Grusel-Krimi: Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus
Antwort auf diesen Beitrag erstellen  Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen      IP InformationZum Anfang der Seite springen

Ägyptische Mumien und Frankensteinähnliche Wissenschaftler standen Ende der 60er Jahre hoch im Kurs. Die Counter Culture, die aus Amerika herüberschwappte und ihre Spuren auch in Europa hinterließ, hatte außer Flower Power auch das Interesse am Okkulten mitgebracht. Die Manson-Family machte erste Schlagzeilen und bahnbrechende Horrorfilme wie “Rosemaries Baby” und “Die Nacht der lebenden Toten” eroberten die Kinos. Auch im Heftroman-Sektor war es Zeit für etwas Neues.

“Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus” (Silber-Krimi 747) war in erster Instanz atmosphärisch und näher an der Gothic Novel als am Horror. Jürgen Grasmück alias Dan Shocker hat dann auch einen Begriff geprägt, der den “Horror” im Heftroman genau definiert und den es in keiner anderen Sprache gibt: Grusels; eine genuin deutsche Sprachleistung wie etwa das Wort “unheimlich”, das mit dem englischen “uncanny” zwar eine Annäherung an die Bedeutung des Begriffs erfährt, sie aber nicht präzise abdeckt. Natürlich steckt in der Pluralisierung Grusel – Grusels ein Fehler, der sozusagen bewusst die englische Pluralendung an ein deutsches Wort anhängt (ähnlich wie man das umgangssprachlich etwa bei “Dingens” macht). Eine Mehrzahl von Grusel gibt es nicht, nur der Genitiv (des Grusels) käme also in seiner korrekten Form mit einem “s” daher, ist hier aber natürlich nicht gemeint. Vergessen wir aber nicht, dass bis weit in die 70er Jahre hinein bereits eine merkliche Amerikanisierung der deutschen Sprache stattfand. Ein Mädchen hieß plötzlich “Girl”, das Wohnzimmer wurde “Living Room” genannt und so fort.

Grusel – Grusels


Das Stammwort gruseln bezeichnet einen Kälteschauer und gleichzeitig einen Schauer der Angst, eine eigentliche Faszination, die dem Phänomen des Horrors zugrunde liegt, das H. P. Lovecraft einmal als “das älteste Gefühl des Menschheit” bezeichnet hat.

Der Begriff “German Grusel“, aus dem dann Anfang der 70er Jahre vom Zauberkreis-Verlag der “Grusel-Krimi” abgeleitet wurde, ist eine Prägung der Edgar-Wallace-Filmreihe und bezeichnete bereits in seinen Anfängen die Genremixtur aus klassisch englischem Krimi-Ambiente (das seinerseits aus der Gothic Novel entstanden ist), und einer modifizierten Variante des Schauerromans selbst, die mit dem, was wir heute mit dem Begriff Urban Fantasy (Vampire, Werwölfe, Hexen treten auf, ganze Mythologien werden rudimentär verwendet oder auf den Kopf gestellt und sogar neu erfunden) grob umrissen werden kann. Andererseits ist der Grusel-Krimi derart eigen, dass man damit auch nur eine ungefähre Annäherung zur Verfügung hat. Er ist mittlerweile sogar in englischsprachigen Ländern geläufig, was einiges bedeutet.

Als Vorläufer kann man durchaus die okkulten Krimigeschichten, die eine Mischung aus Pulp, Krimi und Abenteuergeschichte, gepaart mit einer Portion übernatürlichem Horror, sehen, mit der amerikanische und britische Autoren eine Art Pionierarbeit geleistet haben. Horrorautoren wie William Hope Hodgson (Carnacki), Algernon Blackwood (John Silence), Seabury Quinn (Jules de Grandin), Manley Wade Wellman (John Thunstone) und in jüngster Zeit Brian Lumley (Titus Crow) haben sich alle an die Ermittler des Unbekannten gewagt. Viele ihrer fiktionalen Kreationen wurden zuerst in Magazinen wie Weird Tales gedruckt, die von 1923 bis 1954 erschienen. Deutsche Grusel-Krimi-Autoren begannen viel später als ihre britischen und amerikanischen Pulp-Kollegen und hörten im Gegensatz zu ihnen nie auf zu schreiben.

Frischer Wind im Silber-Krimi


Die Geschichte geht so: Auf der Frankfurter Buchmesse 1967 klagte der damalige Verlagsleiter des Zauberkreis-Verlages Jürgen Grasmück sein Leid mit der Krimi-Reihe “Silber-Krimi”. Die Verkaufszahlen sanken kontinuierlich. Man wollte sich Gedanken über etwas Neues machen. Jürgen Grasmück machte etwas Neues, er schrieb das Exposé für den ersten Larry Brent-Roman, das angenommen wurde und nach der Veröffentlichung am 27. August 1968 für einiges Aufsehen sorgte.

Zum ersten entstand durch die Grusel-Krimis eine Subkultur des etwas “schrägen”. Während ein Krimi im Laufe der Jahrzehnte in den Mainstream Einzug fand, lag über einer unbürgerlichen (oder unrealistischen) Thematik stets ein Hauch des Andersartigen, vergleichbar mit der Heavy-Metal-Subkultur der 70er und 80er Jahre. Eine Abgrenzung zu “Tarzan” oder einem Edgar-Wallace-Krimi war nicht mehr gegeben. Das zeigte schon die Reaktion von Eltern und Lehrern auf dieses Medium (in das sich ja sogar die Bildungspolitik einzumischen versuchte). Tatsächlich passierte hier das, was in Jugendkulturen stets zu beobachten ist. Allerdings ist ein Heftroman etwas anderes als ein Film oder eine populäre Band, und bleibt schon aus diesem Grund weit hinter deren Einflussbereich zurück. Es bildet sich ein Stück regionaler und persönlicher Epoche in der Epoche heraus, die zwar durch das kulturelle Geschehen in der Welt grundsätzlich mit dem herrschenden Zeitgeist verbunden ist, aber eine eigene Dynamik entwickelt, die nur Ansatzweise mit Entwicklungen in anderen Ländern zu vergleichen ist. Auch wenn man es nicht glaubt, hat das muffige Deutschland gerade dafür gesorgt, dass so etwas wie der Grusel-Krimi entstehen konnte. Das wirklich Interessante allerdings ist der lange Atem, denn auch wenn die große Zeit des Heftromans vorbei ist, finden wir sie noch immer vor. Es scheint sogar, als sei hier im kleinen ein Generationswechsel möglich gewesen, etwas, das der Entwicklung der Popkultur eigentlich widerspricht.

Grasmück ließ den Übergang vom Krimi zum Grusel-Krimi glaubhaft geschehen, indem er eine wissenschaftliche Erklärung für seine Version der Vampire bot, Alles andere hätte die Leser zu dieser Zeit vermutlich so erschreckt, dass sie ihm nicht gefolgt wären. Das tut der Atmosphäre keinen Abbruch, auch wenn es hier nur einen Hauch Übersinnliches gab (eine wiederbelebte Mumie). Phantastisch ist die Erzählung allemal und orientiert am Abenteuer und am Agentenmillieu, aus dem Larry Brent schließlich stammt.

Und auch, wenn hier Larry Brent eingeführt wird, gibt es zunächst den klassischen Kommissar, der in den merkwürdigen Fällen ermittelt. Die Verwicklungen stehen sogar keinem amerikanischen Thriller aus den 30er, 40er und 50er Jahren nach – wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man etwa John Buchans “Die 39 Stufen” liest. Die Problematik bestand also eher im deutschsprachigen Kulturkreis und im Milieu des Heftromans selbst und garantiert nicht in der Ausführung, auch wenn es einiger sprachlicher Überarbeitungen bedurft hätte, um daraus einen internationalen Knüller zu machen. In der BRD galt zu dieser Zeit selbst der Kriminalroman als Schund. Und eine oberlehrerhafte Dummheit ist bis heute das Markenzeichen des Kulturbetriebs in diesem Land, weshalb auch kaum eine kreative Strömung eine größere Bedeutung erlangt im Vergleich zu anderen westlichen Ländern.

Das Abenteuer


In der Umgebung von Maurs ist es in den letzten sieben Monaten zu rätselhaften Vorfällen gekommen, bei denen Vampire gesichtet wurden und mehrere Menschen tatsächlich Bissspuren am Hals aufweisen. Als zum ersten Mal eine Leiche auftaucht, erinnert sich Kommissar Sarget an die Aufforderung des Innenministeriums, solche Sonderfälle sofort weiterzuleiten. Wir hören also zum ersten Mal von der PSA, der Psychoanalytischen Spezialabteilung unter der Leitung des geheimnisvollen David Gallun, der durch einen schweren Unfall vier Minuten lang klinisch tot war, dadurch aber die Fähigkeit besitzt, Stimmungen und Gefühle in Menschen zu erzeugen und wahrzunehmen. Er wurde zwar gerettet, aber ist seitdem blind.

Als wir Larry Brent zum ersten Mal begegnen, ist er noch FBI-Agent, der sich während seines Urlaubs Europa ansehen will und unversehens in einen merkwürdigen Fall stolpert und am Ende vom FBI zur PSA wechselt.

“Dieser heiße Sommertag”, heißt es da, “sollte für den Mann aus New York eine Bedeutung gewinnen, die seine Zukunft schicksalhaft bestimmte.”

Tatsächlich hat ein Professor Bonnard bei seiner letzten Reise nach Ägypten aus einem bisher unbekannten Grab kostbare Grabbeilagen und eine Mumie entwendet, in der er noch Spuren von Leben nachweisen konnte. Er hat die Absicht, diese mithilfe von frischem Blut wieder zum Leben zu erwecken, um als Ägyptologe für eine Sensation zu sorgen. Nun ist das hier allerdings kein dröger Mumien-Klamauk. Ganz im Gegenteil dreht sich das erzählerische Ablenkungsmanöver um ein Gezücht riesiger Vampirfledermäuse, die das Blut beschaffen sollen. Geschickt führt uns Grasmück zunächst den Biologen Simon Canol vor, der damit beschäftig ist, die anfallenden Leichen verschwinden zu lassen, was ihm nicht gelingt, weil er ständig dabei gestört wird. Als aller Verdacht sich schließlich wieder auf Professor Bonnard richtet, merken wir, dass ein ganz anderer Herr seine Kreise zieht. Larry Brent gelingt schließlich das, was der Polizei um Kommissar Sagret nicht gelingt. Er stößt ins Innere vor.

Die Geschichte ist verwickelt und ein Rad greift ins nächste, außerdem bekommen wir viele Informationen über die PSA und deren Aufbau. Besieht man sich heutige “Heftchen”, dann muss man doch zugeben, dass dieser erste Grusel-Krimi ein Flair und einen Aufbruch markiert, den bis heute nicht viele Exemplare für sich in Anspruch nehmen können.

__________________
"Schund" ist die Verlockung zur Sünde.

Dieser Beitrag wurde schon 2 mal editiert, zum letzten mal von Wynn am 24.03.2021 15:49.

                                    Wynn ist offline Email an Wynn senden Beiträge von Wynn suchen Nehmen Sie Wynn in Ihre Freundesliste auf                               Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden IP Information
143615
Talis Talis ist männlich
Foren Gott




Dabei seit: 30.07.2016
Beiträge: 3840

24.03.2021 14:31
RE: Der erste Grusel-Krimi: Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus
Antwort auf diesen Beitrag erstellen  Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen      IP InformationZum Anfang der Seite springen

Kleine Korrektur, das erste Larry Brent-Abenteuer "Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus" ist im August 1968 als Silber-Kriminal-Roman 747 (Sillber-Grusel-Krimi Nr. 1) erschienen...

Das Begriff "Grusels" kam erst mit den Larry Brent-Romanen auf. Auf den Larry Brent-Abenteuer in den Silber-Kriminalromanen und später auf dem Silber-Grusel-Krimis gab dieser Begriff nicht vor.

                                    Talis ist offline Email an Talis senden Beiträge von Talis suchen Nehmen Sie Talis in Ihre Freundesliste auf                               Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden IP Information
143643
Olivaro Olivaro ist männlich
Administrator


Dabei seit: 15.05.2013
Beiträge: 7696

24.03.2021 15:28
Antwort auf diesen Beitrag erstellen  Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen      IP InformationZum Anfang der Seite springen

Danke an Wynn für diese schöne Betrachtung!

__________________
Und jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, mit langen Pausen, ein Fuß dem anderen nachgezogen, schmerzvoll, langsam, langsam. Leise ging die Tür auf, und leise kam etwas herein. Martin war nicht mehr allein.

Ray Bradbury: The Emissary

                                    Olivaro ist offline Email an Olivaro senden Beiträge von Olivaro suchen Nehmen Sie Olivaro in Ihre Freundesliste auf                               Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden IP Information
143646
Wynn Wynn ist männlich
Kaiser




Dabei seit: 07.03.2017
Beiträge: 1405

24.03.2021 15:44
Antwort auf diesen Beitrag erstellen  Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen      IP InformationZum Anfang der Seite springen

@Talis, tatsächlich hatte ich den August zuerst geschrieben, keine Ahnung, warum das so reingerutscht ist... besser ich aus.

Zu den "Grusels": Davon habe ich auch nicht gesprochen, sondern wo der Begriff herkommt.

__________________
"Schund" ist die Verlockung zur Sünde.

                                    Wynn ist offline Email an Wynn senden Beiträge von Wynn suchen Nehmen Sie Wynn in Ihre Freundesliste auf                               Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden IP Information
143647
Wynn Wynn ist männlich
Kaiser




Dabei seit: 07.03.2017
Beiträge: 1405

24.03.2021 15:49
RE: Der erste Grusel-Krimi: Das Grauen schleicht durch Bonnards Haus
Antwort auf diesen Beitrag erstellen  Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen      IP InformationZum Anfang der Seite springen

Huch... kleine formelle Schwankungen umgreifen mich...

__________________
"Schund" ist die Verlockung zur Sünde.

Dieser Beitrag wurde schon 2 mal editiert, zum letzten mal von Wynn am 24.03.2021 15:53.

                                    Wynn ist offline Email an Wynn senden Beiträge von Wynn suchen Nehmen Sie Wynn in Ihre Freundesliste auf                               Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden IP Information
143648
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Gehe zu:
Powered by Burning Board Lite © 2001-2004 WoltLab GmbH
Design based on Red After Dark © by K. Kleinert 2007
Add-ons and WEB2-Style by M. Sachse 2008-2020